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Welt ohne Kinder

Als mein Handy klingelte, wußte ich noch nicht, daß dieser Anruf sehr bedeutungsvoll sein würde. Es war mein Chef, der mich zu einem möglichen Selbstmord beorderte. Ein Kind wollte sich umbringen, sich von dem Balkon der elterlichen Wohnung stürzen. Da ich Reporter einer kleinen Zeitung war, nutzte ich diese Chance natürlich sofort und trat unverzüglich auf das Gaspedal meines schwarzen Porsche.

Als ich bei dem Hochhaus eintraf, waren Feuerwehr und Polizei bereits eingetroffen und breiteten, in aller Eile, ein Sprungkissen aus. Auf dem kleinen Balkon, im achten Stockwerk des Hauses, stand ein kleiner Junge auf dem schmalen Geländer, an dem Balkonkästen mit blühenden Geranien hingen und war kurz davor, in die Tiefe zu springen. Hinter ihm stand die junge Mutter und weinte verzweifelt, sie war einfach nur hilflos. Der Junge winkte ihr zu und sprang, ohne auch nur etwas zu zögern, von dem Balkon.

Die vielen Schaulustigen schrien entsetzt auf. Doch schon schlug er, auf dem noch luftleeren Sprungkissen, auf und war sofort tot. Ich versuchte natürlich gleich zu erfahren, was den kleinen Kerl zu so einer Tat bewegt hatte, stellte aber schon bald enttäuscht fest, daß niemand, seine Eltern, seine Freunde, oder Bekannten, eine Vermutung hatte, warum er sich das Leben genommen hatte. Er war immer ein guter Schüler gewesen, der viele Freunde hatte und stets ein zufriedenes Leben führte. Das war für eine gute Story nicht gerade viel, und so verließ ich etwas unzufrieden den Ort der Tat. Doch kaum saß ich hinter dem Steuer, beorderte mich der Alte zu einem neuen Selbstmord. Zwei Kinder hatten sich von einer Autobahnbrücke geworfen und waren von etlichen Fahrzeugen brutal überrollt worden, bis endlich die Polizei dem Wahnsinn ein Ende bereitete.

Doch es kam ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte, denn während meiner Fahrt zum besagten Tatort, hörte ich, daß machte ich regelmäßig und schon routiniert, den Polizeifunk ab und stellte verwundert fest, daß es dort ziemlich hektisch zuging. Überall in der Stadt versuchten sich die kleine Kinder umzubringen, sprangen von Häusern, erhängten sich, oder schnitten sich die Pulsadern auf. Ich war vollkommen perplex, ratlos und öffnete nervös das Autofenster, um Luft zu bekommen. Doch die Luft war erfüllt mit lauten Hilferufen und unzähligen Polizeisirenen. Plötzlich sah ich ein kleines Mädchen, daß sich rennend auf die Straße zu bewegte. Ich trat sofort auf die Bremse und hörte nur noch das laute Quietschen meiner Reifen. Das Mädchen warf sich vor mein Auto, so daß ich nicht die geringste Chance hatte, ihr auszuweichen. Kurz bevor der Wagen stand, es stank nach heißen Bremsbelägen, gab es einen kleine Ruck. Ich hatte sie erwischt. In blinder Panik, riß ich die Fahrertür auf und sah zuerst die Locken, dann das Kind, das bewußtlos vor meinen Vorderrädern lag. Ich sah mich hektisch um, aber die vielen Menschen auf der Straße waren in großer Hektik, da überall Kinder herumlagen, sich versuchten zu töten, oder im Sterben lagen. Daraufhin versuchte ich, über mein Handy, Hilfe, einen Krankenwagen zu rufen, stellte aber fest, daß die Notrufleitung vollkommen überlastet war. Ohne zu zögern, griff ich mir das kleine Mädchen und legte es auf den Beifahrersitz, mit dem Ziel, es persönlich in das nächste Krankenhaus zu fahren. Der Polizeifunk, in dem sich die Beamten bereits hysterisch anschrien, war immer noch eingeschaltet und brachte mich fast an den Rand

der Verzweiflung. Was war nur passiert? Was war mit den ganzen Kindern los? Schweißperlen rannen von meiner Stirn und liefen in meine Augen. Ich hatte Angst.

Dann fuhr ich rasant an, kam aber nur unerträglich langsam voran und sah immer wieder zu der Kleinen, die begonnen hatte, vor lauter Schmerzen, leise zu stöhnen. Mit zitternden Händen, drehte ich das Radio an, um mehr Informationen über diesen Alptraum zu bekommen. Dort lief eine eiligst zusammengestellte Sondersendung, in der der Moderator einen überaus verzweifelten Eindruck machte. Er berichtete, daß sich nicht nur in unserer Stadt, alle Kinder selbst töteten, sondern, daß es sich in großer Wahrscheinlichkeit, um ein globales Problem handelte, da von überall aus der Welt sich die Meldungen, von unzähligen toten Kindern, überschlugen. Dieses Phänomen war den Wissenschaftlern ein Rätsel. Sie stellten nur fest, daß die Selbsttötungen, durch einen unwiderstehlichen Zwang der Kinder, verursacht wurden. Danach gab der Moderator die ersten geschätzten Zahlen der Suizide aus Deutschland durch, brach seine Meldung jedoch ab, da ihm, durch einen unkontrollierten Tränenausbruch, die Stimme versagte.

Ich schaltete das Radio aus und schrie eine alte Frau an, die mitten auf der Straße kniete, um zu beten und mir dabei den Weg versperrte.

Kurz vor dem Krankenhaus ging schließlich nichts mehr, es war vollkommener Stau. Die Kleine war wieder ohne Bewußtsein, als ich sie mir letztlich über die Schulter legte, um zu Fuß das Krankenhaus zu erreichen. Doch das Durchkommen war mehr, als schwer, da überall Mütter laut herum schrien und weinend zusammenbrachen, weil sie ihre Kinder verloren hatten. Schließlich stieg

ich dreist über die hoffnungslos verkeilten Autos hinweg und zer- kratzte durch diese Methode, dutzendweise gepflegte Fahrzeuge. Aber die Lacke der Autos waren mir egal geworden, da man diese leicht ersetzen konnte, daß Leben der Kinder aber, und damit unser aller Zukunft, war vielleicht für immer verloren.

Das Krankenhaus war hoffnungslos überfüllt, und auf den Gängen drängelten die entsetzten Menschen, um die vielen Kinder zu retten. An jeder Tür standen mindestens zwei schwer bewaffnete Soldaten, um die armen überlasteten Ärzte und Schwestern zu schützen. Doch das Grauenhafteste in diesem Krankenhaus, war der schaurige Umstand, daß sich die Kinder, denen die Ärzte gerade erst das Leben gerettet hatten, sofort wieder töten wollten. Dies hatte oft die bittere Konsequenz, daß die armen Würmer, sofort nach ihrer lebensrettenden Verarztung, an die Betten, oder die Matratzen, da es oft keine freien Betten mehr gab, festgebunden wurden.

Endlich hatte ich einen freien Arzt erreicht. Ich legte das Mädchen auf den Untersuchungstisch und beobachtet gespannt den jungen Mediziner, dessen ehemals weißer Kittel, vollkommen mit kindlichem Blut verschmiert war. Doch er schüttelte nur mit dem Kopf und sagte kühl, verbittert, daß das Mädchen bereits gestorben sei.

Daraufhin griff sich ein junger Soldat das tote Kind, zog einen Vorhang beiseite, hinter dem mindestens vierzig tote Kinder lagen und legte das Mädchen einfach dazu. Dieser entsetzliche Anblick war zuviel für mich, so daß ich plötzlich begann, stark zu würgen. Ich rannte zum Fenster, riß es auf und entleerte meinen Mageninhalt, in endlosen Konvulsionen, nach draußen, auf die Köpfe der unzähligen, wartenden Eltern und Helfer. Als ich mich, zitternd und geschwächt, umdrehte, lag bereits ein neues Kind, das sich augenscheinlich die Pulsadern aufgeschnitten hatte, auf dem Untersuchungstisch.

Ich rannte, ohne mich nur einmal umzusehen, oder auf andere Menschen zu achten, hinaus, vorbei an den vielen, leidenden Eltern, den vielen toten Kindern. Einfach nur laufen wollte ich, so schnell ich es nur konnte, immer weiter, durch die Straßen des Todes. Weglaufen, ja, daß war mein Ziel, dem Grauen entfliehen, spürte meine Beine nur noch stampfend, einer Maschine gleich, rennen, immer nur rennen. Doch wohin ich auch lief, sah ich sie, die armen Engel, wie sie auf dem harten Asphalt lagen, oder leblos zwischen den Gebüschen hingen. Schließlich brach ich in mich zusammen, legte mein heißes Gesicht in die Hände und heulte, aus lauter Verzweiflung und, um dem rasch nahenden Wahnsinn zu entfliehen. Ich lag sehr lange dort, einfach mitten auf der Straße, ohne mich zu trauen, aufzustehen. Erst als es dunkel geworden war und die Schreie allmählich verstummten, sich eine Todesstille, gleich einem bleiernen, schwarzen Umhang, über die tränennasse Welt legte, erhob ich mich zögerlich und trottete in die Redaktion meiner Zeitung, die für mich immer, wie ein zweites zu Hause war. Überall trugen die Menschen, schweigend und voller Verzweiflung, die vielen toten Kinder zusammen. Es herrschte ein weltweiter Ausnahmezustand, und das Militär war überall massiv präsent. Sämtliche Kriege, in der ganzen Welt, wurden einfach abge- brochen, als seien sie ein schlechtes Theaterstück. In der Redaktion arbeitete keiner, meiner Kollegen, mehr. Einige hatten sich betrunken, andere weinten ganz leise, aber die meisten, saßen vor dem Fernseher, nur, um immer wieder dieselbe Nachricht zu hören. Es waren ausnahmslos alle Kinder dieser Welt, alle Menschen im präpubertären Alter, diesem teuflischen Phänomen zum Opfer gefallen und noch schlimmer war, daß alle Babys, die neu geboren wurden, sich ganz einfach weigerten, zu atmen und daraufhin, nach wenigen Augen-blicken, den Hebammen einfach wegstarben.

Ab dieser schrecklichen Zeit, kam es nicht mehr dazu, daß die Welt sich den sinnlosen Kriegen und nichtigen Streitereien hingab. Die Menschheit war geschockt, verzweifelt und kopflos. Es kam daher auch sehr bald zu einer zweiten, traurigen Welle Selbstmorde, weil viele Erdenbürger es ganz einfach grundsätzlich ablehnten, ohne ihre Kinder, auf diesem trist gewordenen Planeten, weiterzuleben. Die Wissenschaftler auf der ganzen Welt, arbeiteten fieberhaft an der Rettung ihrer Rasse, der Menschheit, fanden aber lediglich heraus, daß diese kindlichen Selbstmorde nur genetischer Herkunft gewesen sein konnten. Eine Lösung für das eigentliche Problem fanden sie jedoch nicht, da sie kaum noch genügend Zeit für intensive Forschungen hatten, da ihre finanziellen Mittel weg- brachen und sie deshalb, noch nicht einmal auf den passenden Schlüssel, oder die vollständige Ursache, kamen. Auch ich hatte aufgehört richtig zu leben und existierte nur noch, um diese Zeilen zu schreiben, da ich der festen Meinung war, daß jede Geschichte ein anständiges Ende haben muß, so auch die Geschichte der Menschheit. Aber dennoch war es schön zu wissen, daß die Menschen schließlich doch angefangen haben, über den eigentlichen Sinn ihres Lebens nachzudenken, wenn auch viel zu spät.

Copyright by Alexander Rossa


Ausgezeichnet mit dem "PowerFox Literature & Poetry Award"

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